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Im Gespräch mit Amiram Ganz

Aktualisiert: 22. Feb. 2022


 

Eine persönliche Vorbemerkung*


Es gibt Menschen, die man einfach bewundern muss.

Üblicherweise stellen sie sich nicht gerne in Vordergrung. Sie sind unkompliziert, natürlich und freundlich. Aber in dem Moment, wenn man sie in ihrem Beruf erleben darf, ist man überwältigt und versteht. dass es sich um ganz besondere Menschen handelt.

Amiram Ganz ist ein dieser Menschen.


Wenn ich vor zehn Jahren nach Wien kam, habe ich ein großes Glück gehabt, auf ein Konzert des berühmten Altenberg Trio Wien zu kommen und nach dem Konzert sogar die Musiker, - Amiram Ganz und Claus-Christian Schuster persönlich kennenzulernen.


Streng genommen kannte ich Herrn Schuster schon, da ich vor vielen Jahren ein Interview für das Magazin der St. Petersburger Philharmonie Violinschlüssel mit ihm geführt habe. Damals gab es ein irgendein organisatorisches Problem und das Interview wurde leider nie veröffentlicht. Und wahrscheinlich, ist es besser so. Ich vermute, ich habe damals aus lauter Ehrfurcht sehr dummen Fragen gestellt.


Hier in Wien durfte ich auch Amiram Ganz kennenlernen. Ich war fasziniert. Damals war mein Deutsch noch sehr schwach und die Herren haben es galant angeboten, unsere Unterhaltung auf Russisch zu führen. Es war absolut unglaublich. In Wien trifft man öfters Leute, die wirklich gut Russisch sprechen können. Diese Unterhaltung erfolgte aber auf einem anderen Niveau. Ich muss es zugeben, ich als Muttersprachlerin hatte es schwer zusammenzuhalten, so schön und gepflegt war die Sprache. Das wichtigste aber, dass das Kulturniveau uneinholbar hoch war!


Wenn Amiram mich (mich, eine Russin!) beiläufig gefragt hat: "Erinnern Sie sich vielleicht, wie schön es Boris Pasternak in seinem Gedicht ausgedrückt hat?..", und dann wurden mehrere Strophen auf Russisch (!) zitiert. Und ich wollte schon aufschreien: "O, weh! Nein! Ich erinnere mich nicht an diese Strophen! Ich kenne das Gedicht überhaupt nicht! Oh, wie dumm und ungebildet ich bin!", und dann pfeilschnell nach Hause rennen und alle Bücher durchlesen, und mir alle klassischen Aufnahmen anhören, die ich nur finden würde.


Es muss solche Menschen geben. Sie halten das Niveau und setzen die Orientierungspunkte - die künstlerischen, die geistigen und auch die menschlichen.


Obwohl Amiram sehr beschäftigt mit der Verfassung seiner Kommentare zu den Sonaten für Klavier und Violine von Beethoven auf den Auftrag seines ehemaligen Violinprofessors Jorge Risi war, war er so nett mit uns über Kammermusik zu sprechen.


Anastasia Sinayskaya


 
Amiram Ganz

Was sind die wichtitgsten Eigenschaften eines Kammermusikers?


Zuerst muss man ein ausgezeichneter Musiker sein. Man braucht auch den Sinn für Teamarbeit, die Fähigkeit, sich auf eine Interpretation kollegial zu einigen und auf die eventuellen spontanen Varianten zu reagieren, die von den Kollegen auf der Bühne angeboten werden könnten.


Wie kann man sich zu einem guten Kammermusiker entwickeln? Sehen Sie irgendwelche Methoden, dies zu erreichen?


Wie ich schon erwähnte, in erster Linie muss man sein Instrument sehr gut beherrschen. Um ein stabiles Ensemble zu bilden, sollte man Kollegen finden, deren Persönlichkeit und künstlerischer Geschmack mit Einem harmonieren.


Die „klassischen“ Gruppen, wie ein Klaviertrio und (umso mehr) ein Streichquartett, brauchen eine reguläre und tiefgründige Arbeit, sowohl aus Sicht der Ensemble-Spieltechnik als auch für die Einübung des umfassenden Repertoires unter gleichzeitiger Entwicklung von originalen, einzigartigen Interpretationen.


Kammermusiker, Orchestermusiker und Solist: Leben Sie, bildlich gesprochen, auf drei verschiedenen Planeten? Ist es immer noch ein und dieselbe Arbeit oder sind die drei verschiedenen Berufe? Was unterscheidet den Kammermusiker von dem Kollegen, der „nur“ in einem Orchester spielt?


Es geht um drei wesentliche Spezialisierungsmöglichkeiten, die heutzutage einem Geiger offenstehen. Man sollte auch die Pädagogik hinzufügen.


Auf all diesen Gebieten gibt es jetzt auch noch „Sub-Spezialisierungen“. Zum Beispiel tauscht die Mehrheit der Quartette nicht die Plätze der ersten und der zweiten Violine, auf diese Weise wird eine Sub-Spezialisierung in jeder dieser Rollen möglich. Ebenso ist es im Orchester, in dem die Rolle des Konzertmeisters andere Anforderungen an seine Fähigkeiten stellt als bei den Tuttis. Wie im Quartett, auch im Orchester unterscheiden sich die Rollen der 1. und 2. Violinen. Letztlich, ein Pädagoge kann ausgezeichnet für erwachsene Schüler, nicht aber für den Unterricht von Kindern geeignet

sein und umgekehrt.


Es wäre wünschenswert, hochqualitative Erfahrungen in vielen unterschiedlichen Gebieten zu sammeln, um zu entscheiden, ob man sich dem einen oder dem anderen Gebiet widmet. Andererseits ist es natürlich auch oft üblich, Karrieren in zwei oder mehreren Bereichen zu verfolgen: zum Beispiel im Orchester und in der Kammermusik, oder diese und Unterricht. Eine solistische Karriere lässt sich auch mit einer pädagogischen Tätigkeit begleiten, und sie beinhaltet natürlich auch die Kammermusik.


Häufig wird die Fehlannahme angesprochen, dass man sich bei der Ausbildung vom Violinisten auf ein Solistisches Repertoire konzentriert, wohingegen nur die Wenigsten auf diesem Gebiet Karriere machen werden. Ich sehe jedoch meinerseits keinen Widerspruch: man kann nur dank der Arbeit mit diesem Repertoire ein hohes professionelles Niveau erreichen. Selbstverständlich müssen Kammermusik, Orchesterklassen und Studium der schwierigen Passagen vom Orchesterrepertoire ständig die solistische Ausbildung begleiten.


Paradoxerweise, die Gewohnheit, die Musik auswendig zu lernen hilft uns besser vom Blatt zu lesen: Fingersätze und andere „vorgefertigte“ technische Lösungen können so gespeichert werden und ermöglichen ein geschicktes „prima Vista“ Spiel dank unserer unbewussten Reflexe.


Jeder Orchestermusiker sollte regelmäßig Kammermusik praktizieren, da er sich dadurch in die Lage versetzt, selbst aktiv an der Interpretation zu arbeiten, anstatt nur der Interpretation des Dirigenten zu folgen. Außerdem ist es auch wichtig, klangliche und technische Qualitäten zu beachten und verbessern, weil diese Aspekte oft im Tuttispiel sich schwer kontrollieren lassen.


Gibt es verschiedene Arten musikalischer Beziehungen zwischen Partnern einer Kammermusikgruppe? Wenn ja, welche Typen von Rollenverteilung würden Sie unterscheiden? Können Sie sie kurz beschreiben?


Die Dynamik der Gruppe kann unterschiedliche Ausformungen haben. Es gab Zeiten, da funktionierten die Streichquartette unter der Leitung eines der Mitglieder, meistens der ersten Violine, manchmal dem Cello... die derzeitige Tendenz ist eher kollegial, da existiert dann eher die Schwierigkeit, zwischen den einzelnen Individuen Übereinkünfte zu finden, ohne dass die Einen unter der „Tyrannei“ eines Anderen leiden.


Am besten wäre es, eine Gruppe zu finden, in der die Interaktion zwischen Charakteren zu Synergie-Effekten führt, und deshalb die Ergebnisse der Gruppe besser sein werden als eine einfache Addition der individuellen Qualitäten.


Die Gruppen, die von unterschiedlichen Instrumenten gebildet werden, führen zu einer wechselseitigen Bereicherung durch das Zusammenspiel der Sichtweisen, die den Instrumenten grundgelegt sind. Zum Beispiel in einer Gruppe mit Klavier (Sonaten, Trios, Quartetten und Quintetten) ist es offensichtlich, dass der Pianist seine Sichtweise einbringt, die natürlich auf harmonischen und kontrapunktischen Aspekten basiert - umso mehr, weil er stets die Partitur vor Augen hat - während die anderen Musiker nur ihre eigenen Stimmen lesen. Die Streich- und/ oder Blasinstrumente können ihre melodische Qualität leisten, sie sind der menschlichen Stimme näher und sich bewusst, dass man zum Phrasieren den Bedarf hat zu atmen.


Ist es möglich, eine stabile Kammermusikgruppe zu gründen und gut zusammen zu musizieren, wenn die persönlichen Beziehungen zwischen den Musikern in der Kammermusikgruppe nicht stimmig sind?


Alexander Paley (Klavier), Maxime Ganz (Cello), Amiram Ganz (Violine). Nach der Generalprobe vom Trieperlkonzert von Beethoven, Montevideo
Alexander Paley, Maxime Ganz, Amiram Ganz

Meiner Meinung nach ist es nicht sinnvoll eine Gruppe zu gründen, in der die Musiker weder die Verbundenheit noch die Bereitschaft zusammen zu arbeiten, spüren. Natürlich kennen wir viele Geschichten über Quartette, in denen die Musiker sich so sehr hassten, dass sie nicht mehr in der Lage waren, zusammen zu reisen. Dies kann aber auch eine Folge der langjährigen Zusammenarbeit sein, mit akkumulierter Rivalität und Feindseligkeit... es ist jedoch undenkbar, eine Gruppe zu gründen, in der die Unvereinbarkeit von Anfang an die ganze Zusammenarbeit erschwert, wo gleich sie, im Gegenteil, stimulierend sein sollte.


Gibt es Besonderheiten oder spezifische Anforderungen, wenn ein Geiger in einer Kammermusikgruppe mit jenen Instrumenten spielt, deren akustische und technisch-spielerische Merkmale ganz anders sind als bei Streichinstrumenten, z.B. mit Schlag-, Blasinstrumenten oder dem Klavier?


Die eher „klassische“ Zusammenarbeit ist mit dem Klavier. Das Problem liegt in der akustischen Produktion - „vertikal“ beim Klavier und „horizontal“ bei den Streichinstrumenten: viele berühmte Komponisten haben von den Schwierigkeiten dieser akustischen Kombination gesprochen. Trotzdem gibt es ein unermesslich reiches Repertoire für solche Gruppen. Die fundamentale Schwierigkeit bleibt die akustische Balance.


Gruppen mit Blasinstrumenten haben das Repertoire mit besonders schönen und bedeutenden Werken bereichert. Es ist oft schwierig, eine gute klangliche und intonatorische Kombination mit der Klarinette zu finden - zum Beispiel im Es-Dur Op. 20 von Beethoven oder im Oktett F-Dur, D 803 von Schubert. Aber wie könnte man auf die wunderschönen Klarinettenquintette von Mozart und Brahms verzichten?


Wird Ihrer Meinung nach die „musikalische Denkweise“ eines Musikers- sein Empfinden für die richtige Atmung, die Pausen, die Artikulation- durch sein Instrument beeinflusst?


Es ist passiert oft, dass der Pianist beim Spielen zu atmen „vergisst“. Dies ist für einen Sänger oder Bläser völlig unmöglich ist: Diese Musiker sind physiologisch gezwungen, die Phrasierung in Verbindung mit der Atmung zu denken. Wir Streicher können also von Pianisten das harmonisch-polyphonisches Hören und Denken lernen, und von Bläser und Sänger die „atmende“ Phrasierung.



 

* Liebe Leserin/lieber Leser! Ich bin keine Muttersprachlerin und Deutsch ist bekanntlich eine komplizierte Sprache. Natürlich bemühe ich mich um eine fehlerfreie Ausdrucksweise, aber es gelingt mir nicht immer. Wenn Sie einen Sprachfehler entdecken würden, bitte weisen Sie darauf hin, ich werde ihn möglichst rasch beheben. Danke!

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